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Predigt Seiner Eminenz Metropolit Arsenios von Austria beim 13. Panorthodoxen Jugendtreffen, Wien, 10. Oktober 2026

Liebe Kinder, Brüder und Schwestern,

es ist eine große Freude, dass wir heute alle hier zusammen sind. Unsere Begegnung gibt uns die Gelegenheit, für einen Augenblick innezuhalten und über etwas nachzudenken, das uns alle betrifft: Wohin führt unser Leben? Was kann das Herz des Menschen wirklich erfüllen?

Wir leben in einer Welt, die sich sehr schnell verändert. Wissen, Kommunikation und Technologie eröffnen uns ständig neue Möglichkeiten. Vieles davon kann ein Segen sein. Gleichzeitig ist unser Alltag erfüllt von vielen Stimmen, Bildern und Erwartungen. Uns wird gesagt, was wir besitzen sollten, wie wir aussehen sollten und wie erfolgreich wir sein müssten, um glücklich zu sein. Und dabei kann etwas Merkwürdiges geschehen: Wir kommunizieren ständig und haben doch Schwierigkeiten, einander wirklich zu begegnen. Wir wissen vieles und kennen uns selbst manchmal nur wenig. Wir haben viele Möglichkeiten und wissen dennoch nicht, welchen Weg wir gehen sollen.

Die Kirche ruft uns dazu auf, mitten in dieser modernen Welt zu leben, ohne unser Herz zu verlieren, ohne uns zu fürchten oder uns von ihr zurückzuziehen. Wir sollen gestalten, lieben, vorankommen und träumen, dabei aber einen festen Bezugspunkt bewahren: Christus.

Und genau hier begegnen wir unserem Thema: „Die Sakramente – unser Weg zur Heiligung“. Heiligung bedeutet nicht, dem wirklichen Leben zu entfliehen. Sie bedeutet, der Gnade Gottes Raum zu geben, damit sie unser Leben erleuchtet und verwandelt. Christus soll in unsere Freude und unsere Schwierigkeiten eintreten, in unsere Beziehungen, Entscheidungen und Hoffnungen. Heiligung ist keine Flucht aus dem Leben. Sie bedeutet, das Leben mit Christus zu leben. Deshalb beschränkt sich unser geistliches Leben nicht auf die Liturgie in der Kirche, sondern erstreckt sich auch auf unseren Alltag zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und in unseren Beziehungen und erleuchtet so unser ganzes Leben.

Ein wichtiger Teil dieses Lebens ist die Freiheit. Das Bedürfnis nach Anerkennung, Erfolg, Geld oder die Meinung anderer können beginnen, unser Leben zu bestimmen. Deshalb lohnt es sich zu fragen: Macht mich das, was ich tue, wirklich frei? Hilft es mir zu lieben? Bringt es mich Gott und den Menschen näher? Genau hier begegnen uns die Sakramente als Gaben des Lebens und der Freiheit.

In der Taufe erhalten wir eine tiefe Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Die Welt fragt uns: Was wirst du erreichen? Was wirst du besitzen? Wie sehen dich die anderen? Die Kirche erinnert uns an etwas Tieferes: Wir sind Ebenbilder Gottes, einzigartige Personen, die Gott kennt und liebt. Unser Wert wird nicht größer, wenn wir Erfolg haben, und verschwindet nicht, wenn wir scheitern. Und vor allem: Wir sind nicht unsere Fehler. Wir alle machen Fehler. Wir alle erleben Augenblicke der Schwäche, aber wir sind deshalb keine Fehler oder Versager. Die Kirche sagt uns, dass es trotz unseres Fallens immer eine Umkehr durch Gottes Gnade, also einen Weg zurück und die Möglichkeit eines neuen Anfangs gibt. Christus sagt zu dem Menschen, der gefallen ist, nicht: „Versteck dich.“ Er sagt: „Komm.“

Deshalb ist auch die Beichte kein Ort der Angst oder der Verurteilung. Sie ist ein Ort der Wahrheit, der Heilung und der Rückkehr. Dort dürfen wir so vor Gott stehen, wie wir wirklich sind. Unsere Zeit lehrt uns oft, sehr auf unser äußeres Bild zu achten, doch die Kirche lädt uns ein, uns noch mehr um unser Herz zu kümmern. Geistliches Leben bedeutet, dass wir nach unserem Fall wissen, in welche Richtung wir wieder aufstehen sollen.

Das führt uns zum Mittelpunkt des Lebens der Kirche: zur Heiligen Eucharistie. Dort verstehen wir, dass das Christentum Gemeinschaft mit Christus ist. Christus selbst schenkt sich uns, um unsere Speise und unser Leben zu werden. Wir werden zu einem Leib. Wir werden Kirche.

Das hat bei einer panorthodoxen Begegnung eine besondere Bedeutung. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und sind von unterschiedlichen Traditionen geprägt. All das ist ein Reichtum. Doch etwas viel Tieferes verbindet uns: derselbe Christus, derselbe Glaube, dieselbe Eucharistie.

In einer Welt, in der Menschen leicht voneinander getrennt werden, ist die Kirche dazu berufen, ein Ort der Gemeinschaft zu sein, weil der Mensch, der uns gegenübersteht, immer größer ist als unsere Meinungsverschiedenheit mit ihm. Die Orthodoxie ist uns gegeben, damit wir mit Christus vereint werden und lernen, die Menschen immer mehr zu lieben und nicht, um uns besser als andere zu fühlen.

Deshalb endet die Heilige Eucharistie, in der wir Gott um Vergebung gebeten und Christus empfangen haben, nicht mit dem Ende der Göttlichen Liturgie. Das sakramentale Leben soll zu unserer täglichen Lebensweise werden, in der auch wir vergeben und nicht gleichgültig sind gegenüber dem Menschen, der neben uns leidet. Das zeigt sich besonders in unseren Beziehungen. Wahre Liebe beginnt zu reifen, wenn ich mich frage: Will ich wirklich das Gute für den anderen? Achte ich seine Freiheit und seine Würde? Der andere Mensch ist nicht dazu da, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, er ist Ebenbild Gottes. Deshalb ist auch das Sakrament der Ehe ein Weg der Heiligung. Der Mensch lernt, allmählich von „Ich möchte, dass du mich liebst“ zu „Ich möchte lernen zu lieben“ zu gelangen. Heiligung in unserem Alltag bedeutet also, dass unser verschlossenes Ich nach und nach kleiner wird und in uns mehr Raum für Gott und für den anderen Menschen entsteht. Und das geschieht im Kleinen: in einem kurzen Gebet, in einer Bitte um Verzeihung, in einer Tat der Liebe, in der Zeit für einen einsamen Menschen, in einer aufrichtigen Beichte und in der bewussten Teilnahme an der Göttlichen Liturgie. Und vielleicht ist dies das Wichtigste, was wir heute mitnehmen können: Christus wartet nicht darauf, dass wir zuerst vollkommen werden, bevor wir uns Ihm nähern. Wir nähern uns Ihm gerade deshalb, weil wir Ihn brauchen.

Der Weg zur Heiligung liegt also nicht irgendwo weit entfernt. Er führt durch unseren Alltag: durch die Art, wie wir miteinander sprechen, wie wir mit anderen umgehen, wie wir vergeben und wie wir nach einem Fehler neu beginnen. Das ist eine große geistliche Aufgabe für uns alle: mitten in der modernen Welt zu leben, ohne zuzulassen, dass die Welt uns unser Herz nimmt. Voranzukommen, ohne den Erfolg zu unserem Gott zu machen. Zu lieben, ohne andere zu benutzen. Die Orthodoxie nicht nur als eine Tradition zu leben, die wir empfangen haben, sondern als eine lebendige Beziehung zu Christus.

Und vor allem: Wir gehen unseren Weg nicht allein. Gott betrachtet unser Leben nicht aus der Ferne. Er tritt in unser Leben ein, begegnet uns dort, wo wir stehen, und geht unseren Weg mit uns. Wir müssen nicht schon heute den ganzen Weg unseres Lebens kennen. Es genügt, Gott zu vertrauen und den jeweils nächsten Schritt mit Ihm zu gehen.

Das ist der Weg der Sakramente: kein Weg aus dem Leben heraus, sondern Christus mitten in unserem Leben – in unseren Freuden und Schwierigkeiten, in unseren Beziehungen und Entscheidungen, in unserem Fallen und in unserem Neubeginn.

Das ist der Weg zur Heiligung. Amen.